Projektidee

Fußball Macht Nation

Was erlauben Fußball?

Projektziel:

Das Projekt will den Zusammenhang zwischen Fußball und nationaler Identität am Beispiel Ex-Jugoslawiens kritisch analysieren und untersuchen. Es will die Melange aus Fußball, Nation und Identität theoretisch durchdringen und veranschaulichen. „Fußball Macht Nation” fragt nach dem Zusammenhang von Fußball, Nationalismus, Gewalt und Krieg. Es untersucht das Nation Building in Ex-Jugoslawien und Identitäten, die um den Fußball konstruiert werden.

„Fußball Macht Nation” richtet sich an fußballbegeisterte StipendiatInnen, die zumindest wissen was Abseits ist und sich für die Verknüpfung von Fußball und Politik interessieren.

Projektidee:

Angela Merkel jubelnd auf der Tribüne, eine begeistert nationalistische Berichterstattung als Mainstream, schwarz-rot-gold an Balkonen, Autos und in Gesichtern – die EM 2008 hat erneut gezeigt: Fußball ist mehr als ein sportliches Ereignis; Fußballspiele sind nicht von Politik und nationaler Identität zu trennen.

Mehr noch: Kaum ein anderer gesellschaftlicher Bereich ist so eng mit der Idee der Nation verwoben und vermag gesellschaftliche Widersprüche so zu integrieren wie der Fußball. Und nirgendwo sonst kann eine Klassen übergreifende Gemeinschaft – von der Kanzlerin bis zur Kellnerin – so schnell konstruiert werden wie während einer WM oder EM. Mit Appellen an die Gemeinschaft wird über soziale und klassenspezifische Unterschiede gern mal hinweggesehen – Sinnleere, Widersprüche und Abstiegsängste lösen sich in der gefühlten Einheit der Nation auf. Fußball leistet damit einen nicht unwesentlichen Beitrag zur Herausbildung einer nationalen Identität zu einer gegebenen Zeit.

Aber auch in WM- und EM-losen Zeiten kommt dem Fußball eine identitätsstiftende Funktion zu. Das Stadion ist einer der wenigen Orte, der Klassen und Milieus vereint und Unterschiede (scheinbar) aufhebt. Politiker, Manager, die Masse der Angestellten und Arbeitenden, Prekarisierte, Arbeitslose, Ausländer, Alkoholsüchtige – sie alle eint der Fußball, die Liebe zu ihrem Verein. So passiert es, dass man zumindest 90 Minuten lang über alle Widersprüche und Klassenlagen hinwegsehen kann – zum Wohle des Vereins oder der Nation.

Diese Erkenntnis ist für uns Grund genug, sich im Rahmen eines stipendiatischen Projekts einmal genauer mit dem gesellschaftspolitischen Phänomen Fußball auseinanderzusetzen. Dies wollen wir in zwei theoretischen und einem Praxisseminar bewerkstelligen.

Der Übergang von der theoretischen Erkenntnis, dass Fußball bei der Konstruktion von Nation und Staat nie im Abseits steht, brachte uns auf die Idee das ehemalige Jugoslawien näher zu betrachten. Hier zeigt sich die Verquickung von Nation und Fußball besonders plastisch.

So war es das Hooliganumfeld des Roten Stern Belgrad, aus dem sich die ersten serbischen Paramilitärgruppen während des Bürgerkrieges rekrutierten. Sie und ihr Anführer Arkan waren die Verantwortlichen und die Täter bei den Massakern in Bosnien, wie in Srebrenica. Wie verwoben der Fußball mit der Nation im ehemaligen Jugoslawien ist, lässt sich auch an der Festnahme des bosnischen Serbenführers Radovan Karadzic im Juli 2008 beobachten. Als der ehemalige Präsident der Republik Srpska in Serbien gefasst wurde, brachen in Belgrad spontane Unruhen aus, die vornehmlich von den Anhängern der beiden großen Belgrader Fußballvereine – Partisan und Roter Stern – ausgingen. Karadzic wird von den fast durchweg nationalistischen Fangruppen als Kriegsheld verehrt, der für die Sache der Serben eingestanden habe; seine Inhaftierung wird als Einmischung in nationale Angelegenheiten gewertet.

Die Fankultur im Ex-Jugoslawien ist durch die wechselvolle Geschichte des Landes seit 1991 geprägt und ist ein einzigartiger und interessanter Sonderfall, nicht nur für Fansoziologen. Nach dem Auseinanderbrechen Jugoslawiens in sieben unabhängige Staaten – Serbien, Kroatien, Slowenien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Mazedonien und nun auch das Kosovo – brachen die unter Tito nur mühsam kaschierten Konflikte zwischen den Bevölkerungsgruppen erneut aus. Der Verlust eines Großteils seiner beanspruchten Gebiete, kulminierend im Kosovo-Krieg 1999, ließ in Serbien einen chauvinistischen Nationalismus gedeihen, der alle gesellschaftlichen Bereiche umfasst und im Fußball seine klarste Ausprägung findet. Die Unterstützung eines Vereins ist immer auch eine Unterstützung der serbischen Sache. Der Fußball wird komplett mit der Sache der Nation identifiziert.

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